Sonntag, 15. Oktober 2017

"Die Melodie meines Lebens" - Antoine Laurain

Atlantik Verlag, 2017
20,00 Euro


Handlung:
Ein Brief, der mit 33 Jahren Verspätung sein Ziel erreicht, stellt Alains ruhiges Leben auf den Kopf. Er ist Arzt und hat die fünfzig überschritten, seine Frau betrügt ihn, die Kinder sind längst aus dem Haus – trotzdem ist er eigentlich ganz zufrieden. Doch eines Morgens liegt in der Post ein Plattenvertrag für Alains Band The Hologrammes – von 1983. Alain wird zurückgeworfen in eine Zeit, als er und seine Band um ein Haar berühmt geworden wären, als noch alles möglich schien. Er macht sich auf die Suche nach den anderen Bandmitgliedern – und findet einen erfolgreichen, aber verbitterten Künstler, dessen Freundin Alain ein vieldeutiges Lächeln schenkt, einen Präsidentschaftskandidaten und einen populistischen Politiker. Nur die Sängerin, die schöne Bérangère, in die Alain heimlich verliebt war, scheint zunächst verschwunden …


Meine Meinung:
"Die Melodie meines Lebens" ist das erste Buch, das ich von Antoine Laurain lese, und wenn dieses exemplarisch steht für den Schreibstil, den Aufbau seiner Geschichten und der Art, wie Figuren dargestellt werden, dann - befürchte ich - wird es auch zugleich das letzte sein, das ich von ihm gelesen habe. Denn irgendwie ist der Funke, den so viele Leser beim Lesen seiner Bücher anpreisen, bei mir nicht übergesprungen. 
Ich fand die Geschichte zu großen Teilen langweilig, kaum spannend, kaum überzeugend. Es fängt schon damit an, dass sich Herr Laurain scheinbar nicht entscheiden konnte, wen er denn zu seiner Hauptfigur der Geschichte kürt. Eigentlich soll es wohl Alain sein, der eines Tages einen Brief mit großer Verspätung erhält, einen Brief, der damals sein Leben hätte verändern können. Zugleich läuft jedoch sein ehemaliger Bandkollege "JBM" - neuer bescheidener Präsidentschaftskandidat Frankreichs - Alain den Rang als Plotträger ab, denn er ist nicht nur weitaus interessanter als Alain, sondern auch viel präsenter. Vielleicht hat Herr Laurain selbst während des Schreibprozesses bemerkt, dass JBM mehr hergibt als Alain, denn in meinen Augen spricht er JBM den weitaus größeren Rahmen in seinem Buch zu. Sympathisch ist - mal so nebenbei - jedoch keine von den dargestellten Figuren.
Dazu kommt ein Hin und Her der Erzählebenen. So viele (Neben-)Figuren bekommen ein eigenes Kapitel und dürfen etwas über ihre Vergangenheit erzählen. Das an sich hat mich nicht gestört, das war eigentlich ein interessanter Einfall. Aber die Wortmeldungen sind mitunter so banal, so wenig zielführend für die Geschichte, dass ich mich mehrfach gefragt habe, was mir als Leser diese 5 Seiten jetzt bringen sollten. Keine der Figuren wird einem dadurch nahe gebracht. Und mir haben die Emotionen, die Beschreibungen, das "Persönliche" im Buch gefehlt. Es ist ein Abriss von Geschehnissen, die passiert wären oder auch nicht, völlig egal, ob es jenen besagten Brief gegeben hätte, den Alain mit so viel Verspätung erhält. Der Brief und die Geschichte der Band "Hologrammes", die Alain und Co. in den 80ern gegründet haben, ist völlig nebensächlich für alles, was im Buch geschieht. Und da fühlte ich mich als Leser ein bisschen veralbert...


Mittwoch, 13. September 2017

"Der Lügenbaum" - Frances Hardinge

Verlag Freies Geistesleben, 2017
22,00 Euro

HIER geht´s zum Buch (Verlagsseite)


Handlung:
Ihr Vater, der Reverend Sunderly soll ein Betrüger und Schwindler sein? Das kann Faith nicht glauben, die ihn verehrt und die gleiche naturwissenschaftliche Neugier hat wie er. Doch seitdem die Familie fluchtartig Kent verlassen hat und auf diese Insel gekommen ist, wo ihr Vater an einer Grabung teilnehmen will, ereignet sich ein dubioser Unfall nach dem anderen bis – ihr Vater tot aufgefunden wird. Mord! Faith wird es beweisen und gräbt sich in die Unterlagen ihres Vaters, um eine unheimliche Entdeckung zu machen …
Es geht um Fossilien und Fälschung, Glauben und Wissenschaft und – Mord. Mittendrin steht die 14-jährige Faith, die das Unheimliche auf klären und als Mädchen forschen will.

Meine Meinung:
"Der Lügenbaum" - ich muss es so sagen - ist eines jener Bücher, die mich zuerst sprachlos sitzen lassen und dann schließlich auch ein bisschen befremden, weil sie mir vor Augen führen, wie anders Frauen vor gut 150 Jahren noch gelebt haben. Leben mussten. Welche Rolle eine Frau zu spielen hatte, welchen Status sie inne hatte - oder eben auch nicht. Wie unfassbar eintönig das Leben einer Frau von damals gewesen sein muss, weil sie nichts durfte, nichts entscheiden konnte, gewissermaßen nur das lästige Anhängsel ihres Ehemannes war.
Ein solches Bild wird im Buch "Der Lügenbaum" gezeichnet, durchaus realistisch, wie ich denke. Das Widerspenstige in mir erwacht beim Lesen solcher Beschreibungen; am liebsten würde ich ins Buch greifen und die Heldin Faith schütteln, ihr sagen "Lass dir das nicht gefallen, lass das nicht mit dir machen." Aber geht nun mal nicht. Und es hätte ja auch damals nicht anders funktioniert, was schlecht für alle großdenkenden und neugierigen Frauen der damaligen Zeit war.
Denn Faith ist neugierig und hat eigentlich große Träume und Pläne. Sie möchte Forscherin und Naturwissenschaftlerin werden, in die Fußstapfen ihres Vaters treten, einem angesehenen Mann der Wissenschaft. Dieser macht ihr jedoch auch unmissverständlich klar, dass sie ihm lästig ist, als Mädchen nicht zum Nachfolger taugt und ihnen finanziell nur auf der Tasche liegt. Harter Tobak und im Buch eindeutig der Moment, in dem ich den Vater noch weniger leiden konnte als ohnehin schon. Faith gerät dennoch in einen Strudel aus Geheimnissen und Gerüchten um ihren Vater und dessen Arbeiten mit merkwürdigen Fossilien. Als ihr Vater auf recht mysteriöse Art und Weise stirbt, will sie die Wahrheit herausfinden.
Mir hat "Der Lügenbaum" an sich sehr gut gefallen, trotz kleiner Startschwierigkeiten. Der Anfang hat sich für mich ein wenig gezogen, da zunächst auch überhaupt nicht klar wird, in welche Richtung sich diese Geschichte entwickeln wird. Erst auf Seite 180 etwa lüftet Faith das Geheimnis des titelgebenden Lügenbaums und dann nimmt die Geschichte auch richtig an Fahrt auf. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, die Geschichte ist allemal lesenswert, nicht zuletzt, weil sie nun mal so ein realistisches und wahres Bild der damaligen Gesellschaft zeichnet. Leider habe ich Faith an manchen Stellen als zu "wankelmütig" empfunden, was ihre Gefühle und Einstellungen betrifft, z.B. gerade in Bezug auf ihren Vater. Sie lässt sich ihre Emotionen, die ich sehr echt und nachvollziehbar fand, immer gleich auf 2, 3 Zeilen wieder ausreden und das fand ich schade. Hier hätte ich mir Faith als Trägerin der Geschichte etwas charakter- und willensstärker gewünscht.

"Der Lügenbaum" hat den Costa Book Prize gewonnen, durchaus zu Recht, wie ich finde. Es ist eine historische, spannende Abenteuergeschichte um ein Mädchen, das gern für sich und seine Träume einstehen möchte - und ist damit letztlich auch heute noch sehr aktuell.

Vielen Dank an den Verlag Freies Geistesleben!

Mittwoch, 30. August 2017

Ein August-Rückblick, der sich eigentlich gar nicht lohnt...

Aber ich wollte mich trotzdem gern mal wieder melden ;)
Ja, denn den August kann ich als Lese-Monat aktuell ziemlich vergessen. Ich habe ganze drei Bücher gelesen und das auch nur, weil ich die letzten beiden Tage krank zuhause war und dadurch "Der Lügenbaum" beenden und "Aquila" am Stück verschlingen konnte. Sonst sähe es echt mau aus diesen Monat. 

Gelesen im August: 
Abir Mukherjee "Ein angesehener Mann" (Rezension)
Frances Hardinge "Der Lügenbaum" (Rezension folgt)
Ursula Poznanski "Aquila"

Irgendwie war der Monat gar nicht so vollgepackt mit anderen Sachen und Terminen, aber zum Lesen bin ich dennoch nicht gekommen. Ich habe zwei Faktoren ausgemacht, die Schuld daran sind, dass mein Leseverhalten diesen Monat so kläglich untergegangen ist:

1. Meine Doktorarbeit. Der habe ich in den letzten Wochen tatsächlich doch mal ein bisschen mehr Zeit gewidmet. Zwar längst nicht genug und mein schlechtes Gewissen, weil ich schon längst weiter sein wollte (und sollte), wächst gerade ins Unermessliche. Aber immerhin bin ich einen kleinen Schritt weitergekommen. (Immer schön das Positive formulieren!)

2. Ich habe mir eine Playstation 4 gekauft und das ... nun ja, das war dann wohl wirklich das Einläuten des Endes des Lesezeit. Noch dazu, wenn man die Weiten und Möglichkeiten dieser Spielekonsole und der ganzen Games-Technik mit einem Spiel wie "Uncharted 4" beginnt - ein Spiel, das mich bereits nach 5 Minuten süchtig gemacht hatte und mich bei jeder neuen Szene schlucken und die Augen aufreißen lässt. Vielleicht sollte ich erklären, dass mein Bruder und ich früher eine Playstation 2 hatten, und ich daher einfach ... ähm, noch andere Standards gewöhnt war, was realistische Animationen und Spielemöglichkeiten betrifft. Ist halt doch schon etwas her. Nun hab ich "Uncharted 4" fast durch, bin nicht zuletzt auch von Nathan Drake, dem Helden des Spiels, völlig hin und weg. (Ziemlich attraktiv animiert oder wie auch immer man das korrekt nennt, muss ich mal sagen...) Die drei Vorgänger der "Uncharted"-Reihe habe ich mir zwischenzeitlich auch geholt, aber wann ich mir für die mal guten Gewissens Zeit nehmen kann, puhhhhh....

Ich hoffe, der September wird besser, was das Lesen betrifft. In den letzten Tagen habe ich so viele tolle Bücher bekommen, teilweise vorbestellt, teilweise aus der Laune heraus bestellt, teilweise kurzentschlossen im Buchladen mitgenommen. Jetzt bräuchte ich nur einige freie Tage (und Nathan Drake-freie Tage), dann könnte ich mich mal wieder richtig in ein paar Geschichten fallen lassen. Außerdem!!! erscheint in wenigen Tagen der neue und zugleich letzte Teil der "Lockwood & Co."-Reihe, was mich einerseits vor Freude springen lässt, andererseits wehmütig macht, weil es nun mal das letzte Buch dieser großartigen Reihe ist. Ich bin sowas von gespannt! :D

Sonntag, 6. August 2017

"Ein angesehener Mann" - Abir Mukherjee

Heyne Verlag, 2017
9,99 Euro

Handlung:

Kalkutta 1919 – die Luft steht in den Straßen einer Stadt, die im Chaos der Kolonialisierung zu versinken droht. Die Bevölkerung ist zerrissen zwischen alten Traditionen und der neuen Ordnung der britischen Besatzung.

Aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, findet sich Captain Sam Wyndham als Ermittler in diesem Moloch aus tropischer Hitze, Schlamm und bröckelnden Kolonialbauten wieder. Doch er hat kaum Gelegenheit, sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen. Denn ein Mordfall hält die ganze Stadt in Atem. Seine Nachforschungen führen ihn in die opiumgetränkte Unterwelt Kalkuttas – und immer wieder an den Rand des Gesetzes.



Meine Meinung:
"Ein angesehener Mann" ist ein perfekter Roman für lange Lesestunden, für all jene, die sich für die indische Geschichte interessieren, mit Fokus auf die Kolonialzeit Anfang des 20. Jahrhunderts. 1919 wird in Kalkutta ein wichtiger Verwaltungsbeamter ermordet und der englische Polizist Sam Wyndham soll diesen Fall lösen. 
Als Leser begleitet man Wyndham nicht nur bei der Spurensuche und den Ermittlungen, sondern bekommt auch vielfältige Einblicke in die indische Kultur, in das Leben zur damaligen Zeit unter britischer Herrschaft, in Land und Leute. Und das hat mir an sich sehr gut gefallen, denn ich weiß wenig über Indien, muss ich gestehen. Gerade historische Fakten sind mir da nicht geläufig und so hat mir diese Geschichte auch jede Menge Informationen geliefert über die Standesunterschiede, über Rechte und Missstände in der Bevölkerung. Und noch dazu auf eine sehr interessante und auch unterhaltsame Art und Weise geliefert, denn Abir Mukherjee kann wirklich sehr gut schreiben. Er schafft es, die Hitze, die Farben, die Gerüche, ja, die ganze indische Vielfalt Gestalt annehmen zu lassen in seinen Beschreibungen. Er verliert sich manchmal ganze Abschnitte lang in Beschreibungen, die aber so treffend und gut gelungen sind, dass sie einem Film über das Geschehen in nichts nachstehen würden. Während mich dieser Sprachstil einerseits sehr begeistert hat, ist er für mich zugleich so ziemlich der einzige Kritikpunkt der Geschichte: mir wurde das Buch an mancher Stelle leider ein wenig zu langatmig. Das Buch hat über 500 Seiten und für mein Empfinden hätte es gut 150 Seiten kürzer sein können. Manchmal hat mich diese Sprachgewalt, dieser Erzählreichtum ein wenig erdrückt und gelähmt beim Lesen. Hier und da habe ich eine Seite überblättert, und bin dennoch immer wieder gut in die Geschichte hinein gekommen.
Fazit: Eine spannende Geschichte über Spurensuche und Ermittlungsarbeit im Kalkutta 1919, mit einem sympathischen und vor allem "echten" Ermittler, über den man durchaus mehr lesen wollen würde - und auch kann, denn soweit ich mitbekommen habe, wird es eine Reihe um Sam Wyndham geben. Er und sein Sergeant Banerjee sind definitiv lesenswert. Letztlich ist mir die Fülle der Geschichte und der Beschreibungen jedoch einen Tick zu langatmig geworden.


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